(22.02.2016) Leitplanken für das Stiftungsvermögen

Gastkommentar von Christiane Wicht-Stieber in "Mit Vermögen gestalten" vom Bundesverband Deutscher Stiftungen

Albert Einstein soll gesagt haben: „Ich denke niemals an die Zukunft, sie kommt früh genug.“ Wie gut, dass Stifterinnen und Stiftern diese Einstellung fremd ist. Sie engagieren sich für die „Ewigkeit“, indem sie eine Vermögensmasse einem bestimmten Zweck widmen. Ihn soll die Stiftung aus ihren Erträgen dauerhaft erfüllen.

Stifterwille und Vermögensanlage

Christiane Wicht-Stieber ist Stiftungskoordinatorin bei der Bank für Kirche und Diakonie – KD-Bank und Geschäftsführerin der KD-BANK- STIFTUNG. Ehrenamtlich ist sie als Finanzkirchmeisterin ihrer Gemeinde sowie als Gründungs- und Vorstandsmitglied des Vereins Renniere e.V. tätig, der dialysepflichtige Kinder unterstützt.

Wie der Stiftungszweck verwirklicht werden soll, skizzieren Stifterinnen und Stifter stets genau. Wie das Stiftungsvermögen Erträge erwirtschaften soll, beschreiben sie dagegen selten. Deshalb müssen handelnde Organe oft aus der Erstanlage die Strategie für künftige Entscheidungen ableiten. Vielleicht finden sich Hinweise dazu in einer Präambel von Stiftungsgeschäft oder Satzung. Gibt es keine klaren Leitplanken für Anlageentscheidungen, variieren die Rückschlüsse möglicherweise mit wechselnden Personen. Ob dann der Stifterwille zur Vermögensanlage noch richtig „übersetzt“ ist? Solche Deutungen führen im Extremfall zu unerwünschten Veränderungen in der Anlagepolitik. Eventuell fallen Entscheidungen, die dem Stifterwillen entgegenstehen, oder abrupte Richtungswechsel gefährden Vermögenswerte. Solche Unwägbarkeiten können Stifter vermeiden, wenn sie selbst Anlagerichtlinien formulieren und der Satzung beifügen. Alternativ können sie in der Satzung den Auftrag erteilen, dies zu tun. Fehlen solche Handlungsanweisungen, sind Leitungs- und eventuelles Aufsichtsorgan einer Stiftung gut beraten, sie selbst zu erstellen.  

Akteure und Profiteure

Mit der Anlage des Stiftungsvermögens befassen sich verschiedene Akteure in unterschiedlichen Rollen: Stifter entäußern sich ihres Vermögens „für den guten Zweck“ und können dabei auch entscheiden, wie es angelegt werden soll, damit Erträge erzielt werden.
Das Leitungsorgan der Stiftung (oft als Vorstand benannt) vertritt die Stiftung im Rechtsverkehr und führt die Geschäfte. Dies beinhaltet meist satzungsgemäß die Anlage des Vermögens und verbunden damit die Umsetzung einer entsprechenden Strategie. Operativ treffen die Finanzverantwortlichen in Geschäftsführung oder Vorstand die tatsächlichen Anlageentscheidungen. Sie müssen diese mit Argumenten vertreten und fühlen sich in ihrer Aufgabe unterstützt, wenn es einen Handlungsrahmen dazu gibt. Daneben hat ein vorhandenes Aufsichtsorgan das Stiftungsvermögen im Blick. Sein Auftrag ist zu prüfen, ob der Stifterwille und Rahmenbedingungen eingehalten werden. Zudem kann es für eine strategische Ausrichtung der Anlagen verantwortlich sein. Anlagerichtlinien helfen auch externen Adressaten: Im Gespräch mit der Stiftungsaufsicht oder dem Finanzamt zeigen sie auf, dass die getroffenen Entscheidungen mit dem Stifterwillen übereinstimmen oder warum welche Anlagen in welcher Höhe zulässig waren bzw. sind. Vermögensberater der Stiftung erkennen aus der Vorgabe, welche Angebote und welche Struktur zum Vermögen passen. Schnell zeigt sich, dass solche Leitplanken ein wichtiges Instrument sind. Sie schaffen Sicherheit und Handlungsspielräume und unterstützen die Beteiligten im Vermögensanlageprozess.

Was soll in die Richtlinie?

Kirchliche Stiftungen finden Orientierung hierzu in den Vorgaben ihrer Landeskirchen oder der Bistümer zur Anlage von Vermögen. Demgegenüber fehlen weltlichen Stiftungen häufig solche Hinweise. Die Landesstiftungsgesetze formulieren lediglich den Auftrag an die Stiftung, ihr Vermögen ungeschmälert zu erhalten. Stifterinnen und Stifter können für das Stiftungsvermögen bestimmen, ob Anlagen risikofreudig oder eher konservativ erfolgen sollen. Vielleicht möchten sie manche Anlagen generell ausschließen oder inhaltliche Fragen gleichberechtigt neben Renditeüberlegungen stellen. Mit solchen Vorgaben perpetuieren Stifterinnen und Stifter ihre Wünsche und helfen künftigen Verantwortlichen, in ihrem Sinne zu agieren. Wollen sie selbst dazu nichts festlegen, können Stifterinnen und Stifter mit der Satzung den Auftrag erteilen, Anlagerichtlinien zu erarbeiten. Zumeist ist dafür das Leitungsorgan zuständig. Gleichwohl ist es sinnvoll, ein vorhandenes Kontrollorgan bei der Beantwortung strategischer Fragen einzubinden. Jedenfalls sollte es die Rahmenvorgaben zur Kenntnis nehmen oder genehmigen.

In guten wie in schlechten Zeiten – Bausteine für langfristig ausgerichtete Anlagerichtlinien

Anlagerichtlinien sind keine Eintagsfliegen. Sie gelten in guten wie in schlechten Zeiten. Bei großen Veränderungen der äußeren Rahmenbedingungen sind sie anpassungsfähig und zukunftstauglich. Damit eine solche Bandbreite gelingt, müssen Leitungs- und ggf. Kontrollorgan folgende Fragen gemeinsam beantworten:

  • Wie liquide, sicher und renditeorientiert soll investiert werden?
  • Wie viel Risiko (Verlust) verträgt die Stiftung?
  • Welche Anlageklassen werden für Investitionen definiert (Aktien, Renten, Immobilien/-fonds, Euro / Währung)? Welche Assets gehören in die jeweilige Klasse?
  • Wie sollen Anlagen gestreut werden (wie viel Prozent Aktien oder Papiere eines Emittenten, welche Höchstgrenzen für Währungsanteile am Gesamtportfolio, Rohstoffe ins Vermögen aufnehmen)?
  • Wie und in welchem Umfang werden ethisch-nachhaltige Überlegungen eingebunden?
  • Sollen Rücklagen gebildet werden?

Während für kirchliche Stiftungen Befugnisse oft über innerkirchliche Verordnungen geregelt sind, muss die weltliche Stiftung selbst bestimmen:

  • Wer trifft die Anlageentscheidung?
  • Kann der Stiftungsvertreter seine Entscheidung allein treffen?
  • Bis zu welchem Anlagebetrag kann wer entscheiden?

Ein gutes Beispiel ist die Anlagerichtlinie der Evangelischen Kirche von Westfalen, veröffentlicht im Kirchlichen Amtsblatt Nr. 1 am 31.01.2013 (www.kirchenrecht-westfalen.de/kabl/26189.pdf). Sie enthält zu jedem der genannten Aspekte einen Hinweis.

Soll das „magische Dreieck der Geldanlage“ eine vierte Ecke bekommen?

Nicht erst seitdem Spender und Stifter selbstbewusst fragen, wie Stiftungen ihre Erträge erwirtschaften, wird das klassische Dreieck der Geldanlage von Sicherheit, Rentabilität und Liquidität oft um ethisch-nachhaltige Ansprüche ergänzt. Für diese vierte Ecke ist zu klären:

  • Soll Nachhaltigkeit ein strategisches Ziel der Vermögensanlage sein?
  • Welchen Stellenwert soll sie im Bezug zu den anderen Zielen der Geldanlage haben?
  • Wie soll Nachhaltigkeit in der Vermögensanlage erreicht werden?

Widmet sich die Stiftung dem Thema, zeigt sie, dass ihr neben Renditeaspekten auch inhaltliche Kriterien wichtig sind. Für die Umsetzung der Entscheidung gibt es unterschiedliche Instrumente. Mit ihnen kann die Stiftung festlegen, wie sie vorgehen möchte: Will sie ethisch kontroverses Verhalten verhindern, nutzt sie Ausschlusskriterien. Möchte sie positive sozial-ökologische Verhaltensweisen fördern, kann sie sich für einen Best-in-Class-Ansatz entscheiden. Oder möchte sie selbst etwas verändern, indem sie Einfluss auf nachhaltiges Verhalten von Unternehmen nimmt? Wenn sich die Stiftung bei ihren Überlegungen Hilfe holen möchte, können sie Partner unterstützen, die im Umgang mit  ethisch-nachhaltigen Fragen erfahren sind. Hier gelten Kirchen-, Spezial- und Alternativbanken als Vorreiter. Sie bestimmen aus eigenem Antrieb derartige Parameter für ihr eigenes Handeln.  

 

Auszug aus dem Gastkommentar von Christiane Wicht-Stieber, erschienen im "Mit Vermögen gestalten" vom Bundesverband Deutscher Stiftungen