(17.04.2014) "Dem Mammon trotzen" - Gastkommentar im Handelsblatt

Banken müssen sich eine Moral leisten

Gott und Geld – das war schon immer eine heikle Beziehung. Die berühmte Bibelstelle im Matthäus-Evangelium 6, 24 beschreibt die Diskrepanz dieses besonderen Verhältnisses: "Niemand kann zwei Herren dienen. Entweder er wird einen hassen und den anderen lieben oder wird einem anhängen und den anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon." Martin Luther interpretierte den aus dem Aramäischen stammenden Begriff Mammon in Richtung eines Dämons, der uns Menschen zu Geiz und Habgier animiert. Auch heute noch wird Mammon als unredlich erworbener Gewinn und als moralisch verwerflich definiert – und ist damit in einer Zeit der ökonomischen und ethischen Verfehlungen, wie sie seit der Finanzkrise 2008 aufgedeckt wurden, ziemlich aktuell. Erst vor einer Woche hat Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Eröffnungsrede des 20. Deutschen Bankentages die Finanzinstitute nochmals für falsche Anreize im Bonussystem, übersteigerte Gewinnansprüche und "verantwortungsloses Verhalten zulasten Dritter" gerügt.

Rolle des Bankers muss definiert werden

Also: Wie passen Gott und Geld und, damit verbunden, Kirche und Wirtschaft zusammen? "Von Gott sagen wir: Gott ist alles; deshalb ist ohne Gott alles nichts. Vom Geld aber sagen wir: Geld ist nicht alles; und fügen durchaus kühn hinzu: Aber ohne Geld ist alles nichts", – so hat es Altbischof Dr. Wolfgang Huber einmal treffend formuliert. Dass Menschen immer wieder dem Hang verfallen, Geld zu vergöttern, hat die Finanzkrise seit 2008 deutlich gezeigt. Viele schwarze Schafe haben dem Ruf unserer Branche eklatant geschadet: Es ist weder rechtlich zu verantworten noch moralisch vertretbar, Kunden Finanzprodukte aufzuschwatzen, die weder der Sparer noch der Kundenberater versteht, die hohes Verlustrisiko tragen und offenkundig den Interessen der Anleger widersprechen. Auch ist es unerträglich, wenn Kurse manipuliert und so die Anleger durch überhöhte Kaufpreise geschädigt werden. Ganz zu schweigen von Produkten, die zur Spekulation auf Lebensmittelpreise kreiert wurden.

Trotz aller Fehlentwicklungen war der Wertverfall in der Finanzbranche jedoch nie komplett. Die Kirchenbanken, aber auch die Sparkassen und Genossenschaftsbanken und einige Privatbanken haben
sich der Frage nach Wertorientierung immer mit großer Ernsthaftigkeit gestellt. Die Kirchenbanken haben ethisches Handeln als Verpflichtung sogar von ihrer Gründung an in ihr Wirtschaften eingebettet. Dennoch müssen auch wir uns stets auf's Neue die Frage nach Maßstäben für verantwortliches Handeln im Markt stellen – zumal bisher bestimmt noch nicht alles getan wurde, um Finanzkrisen, wie wir sie jetzt erlebt haben, zu verhindern. Es gilt, die Rolle des Bankers klar zu definieren: Er sollte eben nicht selbstsüchtig, eitel und gierig sein. Banken haben bei der Verteilung von Kapital an Unternehmen eine wesentliche Steuerungsfunktion und beeinflussen damit die Ausrichtung unserer Wirtschaft und Gesellschaft. Konkret sind es drei wichtige Funktionen: die Liquiditätsversorgung und der Zahlungsverkehr, die treuhänderische Verwaltung von Vermögenswerten sowie die Bereitstellung von Finanzmitteln in Form von Krediten und Darlehen. Als Kirchenbank sammeln wir beispielsweise das Geld insbesondere der evangelischen Kirche, um es vor allem als Finanzierungen für soziale Projekte in der Diakonie anzulegen. Wir nennen es den kirchlich-diakonischen Geldkreislauf. Von welchen Werten sich die Banken leiten lassen, dazu sollten sie sich und der Gesellschaft Rechenschaft ablegen. Klar ist: Zielgerichtetes unternehmerisches Handeln ist per se ethisch relevant. Gewinnorientierung steht auch bei Banken nicht im Widerspruch zu dem, was wir gemeinhin als moralischen Wert fassen – eigener Profit darf natürlich nicht auf Kosten Dritter erwirtschaftet werden. Ethische Verpflichtung und unternehmerisches Interesse gehen Hand in Hand – dauerhafter Erfolg ist nur möglich, wenn eigener Vorteil, Kundennutzen und gesellschaftliche Akzeptanz im Dreiklang stehen. Die Finanzkrise hat aber deutlich gemacht, wie gefährlich der Mangel an Werten und ethischer Verantwortung für unser gesamtes Wirtschafts- und Gesellschaftssystem werden kann. Besonders das Auseinanderklaffen von Risiko und Haftung ist zu beklagen. Es hätte wohl alles nicht zu solchen desaströsen Auswirkungen geführt, wenn nicht eine grenzenlose Gier nach immer höherer Verzinsung bei vielen eine vernünftige Risikoabwägung verdrängt hätte.

Biblisches Zinsverbot

Für mich steht fest: Eine Bank kann sich nicht, sondern sie muss sich eine Moral leisten. Moral ist ökonomisch vernünftig. Hierhin muss die Finanzbranche zurückfinden. Grundlage ethischen Handelns von Kirchenbanken sind weniger die Philosophien eines Aristoteles oder eines Kant als vielmehr unsere christlichen Wurzeln. Wir handeln nicht nur um unserer selbst willen, sondern wir wollen und sollen auch das Wohl unseres Nächsten im Blick haben. Martin Luther fordert darüber hinaus: "Dienen ohne Gegenleistung." Übertragen auf das Geld bedeutet dies: Verleihen, ohne Zins zu nehmen – für uns Banker wahrlich starker Tobak. Luther bezieht sich allerdings auf das 2. Buch Mose (Exodus) 22, Vers 24: "Wenn du Geld verleihst an einem aus meinem Volke, an einen Armen neben dir, so sollst du an ihm nicht wie ein Wucherer handeln, du sollst keinerlei Zinsen von ihm nehmen!" Das heißt auch: Von einem Ausländer durfte man Zinsen nehmen. Anders als Luther war Calvin der Meinung, Geld sei dazu da, sich durch wirtschaftliche Tätigkeit zu vermehren. Er legitimierte so eine maßvolle Zinswirtschaft. Das Ende des christlichen Zinsverbots datieren Historiker in das Jahr 1545, als der englische König Heinrich VIII. nach seinem Bruch mit dem Papst Zinseinnahmen legalisierte. Im westfälischen Frieden von 1648 wurden schließlich mit fünf Prozent verzinste Darlehen für zulässig erklärt. Das Luther’sche Zinsverbot ist den damaligen Verhältnissen geschuldet. Die Menschen lebten in einer Agrargesellschaft, das Leihen von Geld war Hilfe in der Not – zum Beispiel als Überbrückung bis zur nächsten Ernte. Heute brauchen wir den Kredit. Ohne Kredit wäre vieles unmöglich: Weder die Einzelnen noch das Gemeinwesen können große Vorhaben ohne Kredite realisieren. Gott und Mammon – an diesem schwierigen Verhältnis liegt es wohl auch, warum viele Theologen mit Geld am liebsten nichts zu tun hätten: In den siebziger bis Anfang der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts war das Thema Geld vor allem unter evangelischen Theologen verpönt. Auch heute ist die Begeisterung nicht überwältigend. Doch auch die Kirchen benötigen Geld. Sie können den materiellen Bedingungen des Lebens nicht ausweichen. Ökonomisches Handeln ohne Ethik ist genauso verkehrt wie christliche Moral ohne ökonomischen Sachverstand. Um Vorurteile gegenüber Geld abzubauen und um zu verstehen, wie Geld im besten Sinne funktioniert, sollten sich Kirchenvertreter mehr denn je mit Geld beschäftigen. Dass die konstruktive Auseinandersetzung mit Geld und ökonomischen Notwendigkeiten allmählich zunimmt – vor allem aktuell in Zeiten klammer Kassen –, ist dringend notwendig. Die Landessynode der Evangelischen Kirche im Rheinland hat jüngst beschlossen, 20 Millionen Euro zu sparen – ein großes und schwieriges Vorhaben. Die Kirche muss sich heute noch stärker und gewissenhafter nach dem verantwortlichen Gebrauch mit den ihr anvertrauten Mitteln fragen. Auch für sie gilt: Man muss den Umgang mit Geld und die Voraussetzungen seines Erwerbs beherrschen, um nicht vom Geld beherrscht zu werden.

Geld ist Mittel zum Zweck

Gott dienen, Geld beherrschen – als Kirchenbank haben wir uns dem verantwortungsbewussten Umgang mit Geld verschrieben. Das Zahlen von Zinsen für Anlagebeträge und das Berechnen von Zinsen für Darlehen gehört dazu. Der ganzheitliche Verzicht auf das ertragreiche Einsetzen von Kapital ist in der heutigen Wirtschaftsordnung nicht möglich. Wir Banker sind frei in unseren Entscheidungen, dem Mammon zu trotzen – also Geld als Mittel zum Zweck und nicht als Selbstzweck zu sehen. Auch haben wir die Freiheit eines Christenmenschen, uns zu bemühen, uns redlich und moralisch einwandfrei zu verhalten. Dass dies trotz allem Bemühen nicht immer gelingen kann, ist offensichtlich. Es ist auch menschlich. Aber das Bemühen ist schon sehr viel. Augustinus hat dies auf den Punkt gebracht: "Lieber auf dem rechten Weg hinken als abseits aufrecht gehen."

Gastkommentar von Dr. Ekkehard Thiesler, erschienen im Handelsblatt vom 17. April 2014