(08.02.2016) Mission Investing – Nachhaltigkeit 2.0

Gastkommentar von Christian Müller im Audit Committee Quarterly

Stiftungen sind traditionell die Taktgeber im Bereich des nachhaltigen Investments. So gaben bei einer Studie des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen im vergangenen Jahr 43,2 Prozent der befragten Stiftungen an, Nachhaltigkeitskriterien in den Anlagerichtlinien verankert zu haben. Weitere 10,8 Prozent planen dies konkret.  

Christian Müller, Direktor Vorstandsstab / Marketing der Bank für Kirche und Diakonie eG – KD-Bank, ist u. a. für den Nachhaltigkeitsfilter und die Stiftungsaktivitäten der Bank verantwortlich. Er vertritt die Interessen der Bank im Kriterienausschuss des FairWorldFonds und im Arbeitskreis kirchlicher Investoren in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Während es in der Zeit vor der Finanzkrise beim nachhaltigen Investieren häufig darum ging, eine Vermeidungsstrategie zu fahren und mithilfe von Ausschlusskriterien Investitionen in kontroverse Branchen wie die Atom- oder Rüstungsindustrie zu vermeiden bzw. korruptes Handeln von Unternehmen zu sanktionieren, rückt zunehmend die Wirkung, die durch Investitionen erzielt wird, in den Fokus. Damit wollen Stiftungen eine aktive, positive Strategie verfolgen und in Unternehmen / Projekte investieren, die neben der ökonomischen Rendite einen positiven Beitrag zum Gemeinwohl, sei es ökologisch oder sozial, liefern.

Die Angebote sind vielfältig und unübersichtlich. In welchen Themenfeldern kann es für Stiftungen sinnvoll sein zu investieren? Und wie kann die soziale bzw. ökologische Wirkung, die eine eigene neue Dimension der Kapitalanlage darstellt, gemessen werden? Grundsätzlich hat jedes Finanzinstrument eine ökologische und soziale Dimension, bei Rüstungsunternehmen oder Beteiligungen in Windparkanlagen ist sie im Negativen wie im Positiven jedoch augenscheinlicher als bei anderen.

Der Markt muss reifer und transparenter werden

Die Bertelsmann Stiftung und die Universität Stuttgart haben im April 2015 eine Studie vorgelegt, die die Bereitschaft von Stiftungen, Family Offices und Privatpersonen untersucht, wirkungsorientiert zu investieren. Dabei wurden auch die Themenfelder, die für das wirkungsorientierte Investieren grundsätzlich geeignet erscheinen, betrachtet. Neben Investitionen in saubere Energie und Technologie haben die befragten Stiftungen die Themenbereiche Wohnungswesen, Klimawandel, Nahrung und Landwirtschaft sowie Altenhilfe und Altenpflege als geeignet eingeschätzt – also Themenfelder, die an den Stiftungszweck angelehnt sind und daher im engeren Sinne dem sogenannten Mission Investing zuzuordnen sind.

Die größten Hemmnisse liegen nach Aussage der befragten Stiftungen im Mangel an Produkten und Lösungskonzepten, insbesondere im Sozialbereich. Dagegen sei der ökologische Bereich durch verlässliche staatliche Rahmenbedingungen, wie das Erneuerbare-Energien-Gesetz, aktuell etwas besser geeignet, um Investitionen zu tätigen. Den Verantwortlichen fällt es schwer, ihre Entscheidungen in Bezug auf die zu erwartende Rendite, das Risiko und die erzielbare Wirkung zu beurteilen. Eine Vermischung zwischen Fördertätigkeit und Vermögensanlage wünschen die meisten der befragten Stiftungen nicht.

Der Markt ist unübersichtlich und dabei, sich zu entfalten. Herausforderung für die handelnden Personen in einer Stiftung ist es, eine ganzheitliche Strategie für die Anlage des Stiftungsvermögens zu entwickeln sowie Projekte und Investitionsmöglichkeiten zu identifizieren, die einen positiven Gemeinwohlbeitrag im Sinne des Stiftungszwecks generieren. Der Bewertung des Gemeinwohlbeitrags und der Wirkungsmessung kommt dabei zentrale Bedeutung zu.

Green Bonds verknüpfen Kapitalanlage und Wirkung

Ein praktisches Beispiel für neue Angebote auf dem Kapitalmarkt liefert die KfW, die Mitte des vergangenen Jahrs erstmals zwei Emissionen in Höhe von 1,5 Milliarden EUR und 1,5 Milliarden US-Dollar auf den Markt gebracht hat, die als sogenannte Green Bonds deklariert wurden. Das Kapital wird in Projekte aus dem KfW-Kreditprogramm »Erneuerbare Energien« investiert; der Fokus liegt dabei auf der Stromerzeugung aus Wind und Fotovoltaik, aber auch aus Wasser oder Biomasse. Die KfW sagt zu, dass durch »dieses Kreditprogramm bzw. die Investition in KfW Green Bonds (…) messbare und zertifizierte Einsparungen an CO2-Emissionen erzielt« werden. Darüber hinaus würden Energieimporte nach Deutschland vermieden und die Kosten fossiler Brennstoffe gesenkt. Hinsichtlich der Messung der ökologischen Wirkung verspricht die KfW auf Basis von Erfahrungswerten aus dem Kreditgeschäft einen Effekt in Höhe von 800 Tonnen CO2-Einsparung pro 1 Million EUR Kreditvolumen.

Gestaltung des Entscheidungsprozesses und der Anlagerichtlinien am Beispiel der Green Bonds

Wie können Stiftungen ihre Prozesse gestalten, um mithilfe von Green Bonds einem Mission Investing näher zu kommen? Im Vorfeld der Anlageentscheidung in Green Bonds sollte der Investor prüfen, ob das Wertpapier die Rendite-, Sicherheits- und Liquiditätserfordernisse zweifelsfrei erfüllt. Bezüglich dieser ökonomischen Dimensionen bedienen sich die Akteure an den Finanzmärkten der Expertise der großen Ratinggesellschaften wie Standard & Poor’s, Moody’s oder Fitch, oft ergänzt durch interne Analysen und Einschätzungen. Doch wie kann sich der Investor ein Bild über die ökologische bzw. soziale Wirkung machen? Welche Informationen liefert beispielsweise die KfW für interessierte Investoren und wie kann die Einhaltung der zugesagten Wirkung überprüft werden? Im Vorfeld der Emissionen hat die KfW eine sogenannte Second Party Opinion erstellen lassen. Neutrale Experten sollen den Anspruch der Investoren sicherstellen, dass der Green Bond ihren Anforderungen entspricht. Je konkreter der Verwendungszweck und die Projekte, in die das Kapital fließt, eingegrenzt werden, desto besser kann beurteilt werden, ob sie mit den Vorstellungen und Zielen der Stiftung vereinbar sind. Diese Erkenntnis ist sicher nicht neu, aber gerade bei den Groß- und Universalbanken ist es nicht üblich, Mittelherkunft und Mittelverwendung offenzulegen und zusammenhängend transparent darzustellen. Die ökologische Performance der Emission wird bei den Green Bonds der KfW zudem regelmäßig durch externe Gutachter evaluiert und auf den Internetseiten der Bank veröffentlicht. Für Stiftungen, die die klassischen Instrumente des nachhaltigen Investierens, wie Ausschlusskriterien und Best-in-Class-Ansätze, bereits in ihren Anlagerichtlinien einsetzen, sind Green Bonds sicherlich eine interessante Ergänzung. Eine wichtige Frage ist jedoch, welche Rolle das Emittenten-Rating bei der Investition in Green Bonds spielen soll. Kann ein Green Bond, dessen ökonomische Kennzahlen ebenso positiv sind wie die zu erwartende Wirkung, in das Portfolio der Stiftung gekauft werden, obwohl der Emittent in anderen Feldern gegen Ausschlusskriterien verstößt? Beispiele sind die Green Bonds großer Energieversorger, die Kapital für Investitionen einsammeln, aber noch einen Anteil von Atomstrom in ihrem Energiemix haben, den die Stiftung bei ihren Kapitalanlagen nicht tolerieren möchte und deshalb ein Ausschlusskriterium für Produzenten von Atomstrom definiert hat. Hier gilt es für die Verantwortlichen, die Spannungsfelder zu antizipieren, zu diskutieren und eine in der Anlagepraxis handhabbare Lösung zu entwickeln, wie die relevanten Informationen im Vorfeld der Anlageentscheidung gesammelt und bewertet werden können.

Fazit und Ausblick

Mit dem Mission Investing entwickelt sich ein Trend bei Kapitalanlagen, der für Stiftungen langfristig eine sinnvolle Ergänzung der Anlagestrategie darstellen kann. Doch das Investieren im Sinne des Stiftungszwecks und die ökologische bzw. soziale Dimension der Kapitalanlage dürfen für die Stiftung nicht zum Selbstzweck werden und den Blick auf die klassischen Ziele der Kapitalanlage trüben. Daher erscheint es sinnvoll, den Markt zu beobachten und die Regeln für das Mission Investing in den Anlagerichtlinien der Stiftung zu verankern.


Gastkommentar von Christian Müller, erschienen im Audit Committee Quarterly