(07.02.2017) Wir müssen reden und handeln!

Niedrigzinsphase und ihre Auswirkungen

Interview mit dem Vorstandsvorsitzenden der Bank für Kirche und Diakonie zur Niedrigzinsphase
und den Auswirkungen für Kirche und Diakonie, Privatkunden und die Bank.


Das neue Gebäude der Europäischen Zentralbank am Mainufer in Frankfurt.

Herr Dr. Thiesler, das Zinsniveau in Deutschland und Europa ist auf einem historischen Tief, die Anleger müssen Geld mitbringen, wenn sie Bundesanleihen kaufen und die Schlagzeilen, die die Bankenbranche produziert, sind besorgniserregend. Wie steht es um die Bank für Kirche und Diakonie?

Dr. Ekkehard Thiesler, Vorstandsvorsitzender der Bank für Kirche und Diakonie

Thiesler: Es stimmt, Europa befindet sich in einer besonderen Situation und einer extremen Niedrigzinsphase. Das hat große Auswirkungen auf die Bank und unsere Kunden. Bei kirchlichen Anlegern und bei Stiftungen brechen die Erträge, die aus Kapitalanlagen generiert werden und die regelmäßig in die Haushalte einfließen, sukzessive weg. Neuanlagen im Sparbereich und bei festverzinslichen Papieren liegen deutlich unter dem Niveau der Anlagen, die auslaufen. Das trifft bei unseren eigenen Anlagen in gleicher Weise zu. Um investiert zu bleiben und um die Anforderungen an die Liquidität zu erfüllen, haben wir auch schon Papiere mit negativer Rendite in unseren Eigenbestand kaufen müssen. Das tut weh, und daran will ich mich nicht gewöhnen.

Von welchem Szenario gehen Sie aktuell aus? Wie lange wird die Niedrigzinsphase dauern?

Die aktuelle Zinssituation ist politisch gewollt, damit sich die Staaten im Euroraum günstig refinanzieren können und die Zinslast in den Staatshaushalten geringer wird. Die Europäische Zentralbank hat die Instrumente, um das Niveau auf ein Nullzinsniveau zu drücken, und sie setzt sie auch ein. EZB-Präsident Mario Draghi fährt diesen Kurs seit mittlerweile fünf Jahren. Insofern gehen wir davon aus, dass wir uns mittelfristig auf einem sehr niedrigen Zinsniveau bewegen werden und als Bank auf vielen Ebenen Maßnahmen ergreifen müssen, um uns auf die veränderte Situation einzustellen.

Worauf müssen sich die Kunden der Bank für Kirche und Diakonie einstellen?

Wenn wir über Maßnahmen sprechen, die wir ergreifen wollen, geht es um mehr als das Kundengeschäft. Wir müssen uns auf allen Ebenen darauf einstellen, dass die Margen im Zinsgeschäft rückläufig sind und alle Bezugsgruppen unserer Bank einen angemessenen Beitrag leisten müssen: Unsere Eigentümer, unsere Kunden, unsere Mitarbeitenden, und natürlich werden wir auch die Abläufe und Prozesse infrage stellen, um Einsparpotenziale zu heben. Wie alle Banken in Deutschland haben wir in der Vergangenheit Leistungen erbracht, die aus dem Zinsgeschäft quersubventioniert wurden. Wir arbeiten daran, dies zu ändern und die uns tatsächlich entstehenden Kosten verursachungsgerechter zu refinanzieren.

Aber mir ist an dieser Stelle eines besonders wichtig. Wir befinden uns wegen der guten Kostenrelationen der Bank und der Eigenkapitaldecke, die wir uns in den letzten Jahren aufgebaut haben, in einer guten Ausgangsposition, die uns Spielräume lässt, und wir werden im Vergleich zu unseren Mitbewerbern auch zukünftig ein gutes Preis-/Leistungsverhältnis bieten können. Darüber hinaus sind wir im Vorstand der Überzeugung, an einem Punkt nicht zu sparen: Das ist die Qualität der Beratung im Kundengeschäft. Gut ausgebildete, kompetente BeraterInnen und eine unabhängige und faire Beratung sind in der Niedrigzinsphase wichtiger denn je!

Können Sie uns ein Beispiel für Ihre Planungen nennen?

Ein gutes Beispiel, wie wir vorgehen wollen und an welchen Stellen wir Kosten verursachungsgerecht weitergeben wollen, sind die klassischen Überweisungen im Privatkundengeschäft. Unsere Kunden können aktuell Überweisungen auf drei unterschiedlichen Wegen beauftragen. In Abhängigkeit vom Weg, den unsere Kunden wählen, entstehen uns unterschiedliche Kosten. Eine beleghafte Überweisung kostet uns ca. 2 Euro, die Überweisung per Telefon-Banking ca. 1,50 Euro und die Überweisung per Internet-Banking weniger als 20 Cent. Wir führen zurzeit für unsere Kunden alle Überweisungen kostenlos aus. Hier werden wir ansetzen und für die Überweisungsverfahren, die für uns relativ teuer sind, einen Preis einführen, der einen Teil der Kosten deckt. Wir halten das für vertretbar, und Kunden, die uns z.B. durch die Nutzung des Internet-Bankings dabei helfen, Kosten zu sparen, sollen einen Vorteil haben.

Was wird sich für Institutionen ändern?

Mit unseren Institutionellen Kunden aus Kirche und Diakonie stehen wir in einem sehr engen Austausch. Wir haben die Regionalkonferenzen im Herbst genutzt, um die Kunden aus erster
Hand über die aktuelle Situation und unsere Überlegungen zu informieren.

Ein Beispiel sind die Verwahrgebühren, die wir seit Mitte des Jahres 2016 schon für Liquidität berechnen, die ab einem Betrag von durchschnittlich 20 Mio. Euro in unserem Hause angelegt wird. Ein anderes Thema wird, ähnlich wie bei den Privatkunden, eine Beteiligung an den Kosten des Zahlungsverkehrs sein.

Ein weiterer Punkt, über den wir reden müssen, ist die Höhe der Dividende für unsere Eigentümer. Eine Dividende in Höhe von sieben Prozent ist in der aktuellen Zinssituation einfach nicht zeitgemäß, und ich hatte den Eindruck, dass die Mitglieder, mit denen wir bei den Regionalkonferenzen darüber gesprochen haben, das auch nachvollziehen konnten.

In der Bankenbranche werden zurzeit viele Filialen geschlossen oder zusammengelegt. Wie sehen die Planungen bei der Bank für Kirche und Diakonie aus?

Die Ausgangsposition, in der sich die Bank für Kirche und Diakonie befindet, ist gut. Wir haben kein breites Filialnetz und eine gute Kostenquote, deshalb können wir maßvoll agieren. Bezogen auf unsere Filialen haben wir uns entschieden, in diesem Jahr die beiden Standorte in Berlin zusammenzulegen und den Bürostandort in Erfurt aufzugeben. Darüber hinaus sind vorerst keine Veränderungen geplant.

Was die Anzahl der Mitarbeitenden angeht, besteht zurzeit eher zusätzlicher Bedarf, weil die regulatorischen Anforderungen kontinuierlich steigen und auf vielen Ebenen zusätzlichen Aufwand erbringen.  

Herr Dr. Thiesler, im Jahr 2017 kommt also einiges auf uns zu, gibt es auch positive Aspekte?

Die Lage an den Kapitalmärkten ist so außergewöhnlich, dass wir gemeinsam überlegen müssen, wie wir uns darauf einstellen. Und dann ist es gut, wenn man miteinander redet und planvoll handelt. Wir werden an der einen oder anderen Stelle mit dem Wunsch auf unsere Kunden zugehen, einen Beitrag zur Finanzierung unserer Dienstleistungen zu leisten. Wir können Ihnen versichern, dass wir dies maßvoll tun werden. Es ist unser Ziel, auch zukünftig auf allen Ebenen qualitativ hochwertige Bankdienstleistungen und eine gute und faire Beratung für Sie erbringen zu können. Auf der anderen Seite bietet das Zinstief auch große Chancen für Kirche und Diakonie und unsere Privatkunden. Kredite sind günstig wie nie zuvor, und gerade im diakonischen Bereich stehen wegen gesetzlicher Vorgaben und mit Blick auf die energetische Sanierung von Gebäuden viele nötige und sinnvolle Investitionen an. Investitionen, die wir als Bank für Kirche und Diakonie gern begleiten.