Evangelisch- Lutherische Landeskirche Sachsens

In der Mitte der Gesellschaft

Dresden. War das Leitbild „In der Mitte der Gesellschaft“ der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens in den 1990er-Jahren noch ein Ziel, so ist es heute Realität. Auch wenn durchschnittlich nur etwa 20 Prozent der Menschen dem evangelischen Glauben angehören, hat die Kirche an Bedeutung gewonnen.

Von der Reformation zur Revolution
Der reformatorische Glaube prägt Sachsen seit dem 16. Jahrhundert. Ab dem Jahr 1539 stand die neue Kirchenorganisation unter dem Schutz des Landesherren, auf dessen Gebiet die Gemeinden lagen. 1581 unterschrieb der damalige katholische Bischof von Meißen das evangelische Bekenntnis und trat zurück. Martin Luther hatte nicht nur Glaubensfragen, sondern auch soziale Probleme fest im Blick. Die „Leisniger Kastenordnung“ aus dem Jahr 1523 regelte als erstes evangelisches Sozialkonzept den Einsatz von Geld und Vermögen der Kirchgemeinden für unterschiedliche Aufgaben.

Die Trennung von Staat und Kirche im Jahr 1918 löste die Bindung von Thron und Altar auf. 1922 lebte mit der Wahl von Landesbischof Ludwig Ihmels das Bischofsamt auf. In den Irrungen und Wirrungen der nationalsozialistischen Zeit nach 1933 entstanden trotz der deutschchristlichen Kirchenleitung lebendige Gemeinden der Bekennenden Kirche.

Während der DDR-Zeit war die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens zwar gesellschaftlich legitimiert, aber nicht in die Machtmechanismen des Staates integriert. 1950 vertraten 80 Synodale 4,4 Millionen Gemeindeglieder – das waren über 80 % der Bevölkerung – und hielten an der Kirchenverfassung mit ihren demokratischen Prinzipien fest. So konnten Menschen Freiräume inmitten der Gleichschaltung finden, sie diskutierten gesellschaftliche Probleme. In den 1980er-Jahren ging von dort die christliche Friedensbewegung „Schwerter zu Pflugscharen“ aus, die im konziliaren Prozess mit den Zielen Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung mündete.

Seit 1980 finden Friedensgebete in der Nikolaikirche Leipzig statt. Diese Montagsgebete waren am 9. Oktober 1989 Ausgangspunkt für 70.000 Menschen, die über den Leipziger Innenstadtring demonstrierten. Ihr Veränderungswille war größer als ihre Angst vor der Staatsmacht. Mit ihren Losungen »Wir sind das Volk« und »Keine Gewalt« mahnten sie zur friedlichen Auseinandersetzung.
Unter dem Dach der Landeskirche wirkten sowohl einzelne Christen und Gemeindegruppen als auch kirchliche Amtsträger mit. Die Frauenkirche in Dresden ist beispielsweise durch das Geschehen des Wiederaufbaus zu einem weltweiten Symbol für Frieden und Versöhnung geworden. Die friedliche
Revolution führte die Kirche wieder in die Mitte der Gesellschaft, wo Christen ihre Verantwortung an den runden Tischen und in der Politik wahrnehmen.

Kirchenmusik
Die Kirchenmusik spielt in der Kirche Johann Sebastian Bachs bis heute eine sehr große Rolle. Der Dresdner Kreuzchor und der Leipziger Thomanerchor können als „kirchenmusikalische Aushängeschilder“ fungieren, weil sie ein – auch zahlenmäßig – stabiles Umfeld aus Kirchenchören und insbesondere Kinderchören vorfinden, die den Nachwuchs ausbilden. Nahezu in jeder sächsischen Kirche befindet sich eine Orgel. In diesem Zusammenhang ist Gottfried Silbermann der wohl berühmteste Orgelbauer. 23 seiner Orgeln sind in Sachsen bis heute erhalten geblieben.

Vielfalt der Glaubensströme
Die Entwicklung Sachsens im Mittelalter und die reichen Silbererzfunde in Freiberg, Schneeberg und Annaberg haben für Wohlstand gesorgt, den man bis heute an den großen Kirchengebäuden ablesen kann. Die frühe Industrialisierung führte zu einer stetigen Zuwanderung von Menschen unterschiedlicher Herkunft. So finden sich unter dem Dach der Landeskirche sowohl volkskirchlich-pietistische Traditionen des Erzgebirges genauso wieder wie die städtische Kultur des bürgerlichen Handelszentrums Leipzig, der Industriestädte Chemnitz und Zwickau sowie der Kunst- und Kulturmetropole Dresden.

Mitten in der Gesellschaft
Über 1.600 Kirchen und Kapellen zeugen von einem reichen über 1.000-jährigen Leben in Sachsen. Angesichts der demografischen Entwicklung, der Abwanderung und der anhaltenden Angst vor
Desintegration, steht die Kirche vor großen Herausforderungen. Kernaufgabe bleibt, den christlichen Glauben weiterzutragen, nicht nur in den kirchlichen Räumen, sondern in die Mitte der
Gesellschaft. Die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens übernimmt Verantwortung, auch für Bildung. Die 260 evangelischen Kindergärten und die 54 freien evangelischen Schulen erfreuen sich auch unter nichtchristlichen Eltern großer Beliebtheit. Der Dienst, der von der Diakonie geleistet wird, wird über die Grenzen der Kirchenmitgliedschaft hinaus geschätzt. Politik und Öffentlichkeit nehmen kirchliche Voten zu Fragen, die die Kirchen betreffen, aufmerksam zur Kenntnis. Das sind Beispiele für die Akzeptanz, die die Evangelisch-Lutherische Kirche inzwischen in weiten Teilen der Bevölkerung erfährt.